Tom Neale


 

 

Eine Insel für mich allein
(Suwarrow, Cook-Inseln)



Ein unbewohntes Inselchen, 800 Meter lang und 200 Meter breit, mit einer verfallenen Hütte, die aus dem Zweiten Weltkrieg übrig geblieben war, machte der Neuseeländer Tom Neale (1902-1977) zu seiner Heimat. Etwa 16 Jahre lebte er dort für sich allein, nur hin und wieder kamen Besucher vorbei. Zweimal haben sie ihn krank vorgefunden und dafür gesorgt, dass er zum nächsten Arzt gebracht wurde - mehr als tausend Kilometer liegen zwischen Suwarrow und der nächsten bewohnten Insel. Acht Monate nach dem letzten Verlassen seines Atolls starb er an Krebs. Er ist auf Rarotonga begraben.)

Die immer wieder zitierte Süße des Lebens in der Südsee -beschworen von Leuten, die dort nicht auf Dauer leben oder die mit der Südseeromantik ihr Geld verdienen wollen und müssen - hat es für Tom Neale nicht gegeben. Seine arbeitsame und nüchterne Lebenseinstellung lief, ihn an das Pflanzen von Palmen denken, nicht an das mühevolle Darunterliegen. Als der Weltumsegier Rollo Cebhardt zum zweiten Mal vor der Insel auftauchte, war Tom (damals 75 Jahre alt) zunächst ziemlich kurz angebunden: »Ich habe keine Zeit, ich muss arbeiten!« Im folgenden Text beschreibt Tom Neale den Beginn seines ersten Aufenthaltes im Jahr 1952 - von paradiesischem Frieden findet sich keine Spur. Gab es vorher Bewohner, hatte er Land gekauft? Was immer ihn nach Suwarrow gezogen hat - es war ihm selbst unerklärlich -, das süße Nichtstun war es auf keinen Fall.)

Ich sehe mich noch mit den Füßen im flachen Wasser stehen und ringsum die Umrisse meiner eigenen Palmwipfel von Suwarrow betrachten und höre mich noch zu mir selbst sagen: Na, siehst du, Neale, da bist du nun nach all den Jahren glücklich angelangt, und es ist alles, alles dein! Während der ersten Tage war ich so eifrig damit beschäftigt aufzuräumen, dass ich nie zum Kochen, ja nicht einmal dazu kam, an eine Mahlzeit überhaupt zu denken. Das machte mir indessen wenig Kummer, denn es mussten ja wieder geregelte Zeiten kommen, sobald ich Ordnung in meinen Tageslauf gebracht hatte. Inzwischen glitt ich wie von selbst in mein lang ersehntes Inseldasein. Schließlich hatte ich ja ein halbes Leben mit der Vorbereitung verbracht. Durch meine Tätigkeit als Heizer und Maschinist auf einem Dutzend verschiedener Trampschiffe war ich daran gewöhnt, mit allem möglichen Handwerkszeug (manchmal auch ohne) umzugehen, ich war so ziemlich jedem praktischen Problem gewachsen, mochte kommen, was wolle.)

Und meine unterschiedlichen »Jobs« an Land, Wildnis roden, Bananen pflanzen, selbst mein Wirken als Handelsmann und Berater in allen Lebenslagen, waren nicht umsonst gewesen. Ich hatte gelernt, mich meiner Haut zu wehren. So war ich wirklich in allen Sätteln gerecht. Ich beherrschte vier verschiedene Methoden, ein Dach zu flicken, konnte Fische Speeren und brachte es fertig, mit dem Vergrößerungsglas Feuer zu machen - was ich allerdings nicht mehr nötig hatte, inzwischen wusste ich nämlich genau, welche Sorte Holz beständig glimmt, aber niemals aufflammt, und so konnte ich die Glut auf meiner Feuerstelle die ganze Nacht lebendig)

Es waren unerhört glückliche Tage. Vor dem Auspacken machte ich gründlich »klarschiff«, scheuerte die Böden und wusch sogar die Wände ab. Danach brachte ich etliche Tage damit zu, die Kletterpflanzen und Schlinggewächse vom Dach loszureißen und den Schuppen mit dem Buschmesser aus seiner grünen Umklammerung zu befreien. Ich machte das Dach für die Veranda fertig und reparierte die Fensterläden mit Hammer und Nägeln. Die Arbeit wollte kein Ende nehmen, aber das Gestell für das Badehaus wurde doch irgendwann zwischendurch fertig, und dann hängte ich auch gleich noch eine Wäscheleine zwischen die beiden Hibiskusbäume hinten im Hof, und zwar hoch genug, damit meine Bettlaken nicht auf der Erde schleiften.)

All das nahm viel Zeit in Anspruch, denn ich musste ja auch für die Katzen (und mich) auf Fischfang gehen, und wenn ich auch anfangs nur selten kochte, ein Feuer brauchte ich doch, und dazu musste ich mir das Holz auf der ganzen Insel zusammensuchen. Es sollte unbedingt erst einmal alles sauber sein, war das besorgt, konnte ich was anderes tun, die mitgebrachten Vorräte ordnen und dergleichen. Da musste der Zuckersack ausgeleert und der Inhalt in den mitgebrachten Schraubgläsern sicher verwahrt werden, damit er ja nicht feucht wurde. Ich packte Zucker, Mehl, Salz und was ich sonst an Lebensmitteln in größeren Mengen besaß, in den alten Kühlschrank und behielt nur den täglichen Bedarf draußen.)

Der gute alte Frigidaire (in Armeegröße) erwies sich als ein wahres Himmelsgeschenk, er verschaffte mir ein blitzsauberes, tadellos ordentliches Esszimmer. Mein unüberwindlicher Drang, immer alles sofort zu verstauen, stammt wahrscheinlich aus meiner Dienstzeit bei der Marine, ebenso wie das Bedürfnis nach Reinlichkeit. Damit ich nicht in Versuchung kam, meine Insel durch schmutzige Teller zu verunzieren, kramte ich, sobald ich konnte, ein Stück Draht hervor und befestigte eine Leine über meiner Essbank für meinen Spüllappen und die Trockentücher, und von da an wurde nur noch mit wirklich heißem Wasser auf gewaschen! Zum Essen stellte ich meinen Teller auf das mitgebrachte Wachstuch und legte das Besteck daneben. Zuweilen benutzte ich allerdings auch Blätter statt der Teller, das sparte dann das Spülen.)

Den großen Vorratsschrank richtete ich ein, wie sich das für einen anständigen Haushalt gehört: Ins oberste Fach kam der tägliche Bedarf, Zuckerdose, Marmeladenbüchse, Tee, Kaffee usw., im mittleren wurden Geschirr und Bestecke untergebracht, und das unterste diente zur Aufbewahrung meiner Kaffeemühle und enthielt außerdem Kücheneewürze zusammen mit den Paketen, die Nägel, Schrauben, Draht und Ähnliches enthielten. Das Küchenhaus bereitete mir weiter keine Kopfschmerzen. Ich häufte in einer Ecke meine Vulkansteine auf, und damit hatte es sich. Für das mühselige Geschäft, einen Eingeborenenofen zu bauen, fehlte es mir an Zeit, und so begnügte ich mich erst einmal damit, aus zwei geeigneten Steinen und den mitgebrachten Eisenstäben, die ich als Rost darüber legte, eine primitive Kochstelle einzurichten. Außerdem hatte ich eine Kiste mit Holzstückchen und Anmachholz in einer Ecke stehen.)

Das einzige, was mir wirklich fehlte, war ein guter Kochherd für Holzfeuerung, wie ich ihn in Moorea [Tahiti] gehabt hatte. Die Dinger sind einfach in der Handhabung, verbrauchen nicht viel Holz und machen viel weniger Schmutz als die anderen Kochmethoden. Ich hätte mir unbedingt in Rarotonga einen kaufen müssen, selbst auf Kosten anderer nicht ganz so nötiger Dinge, das wurde mir schon sehr bald nach meinem Einzug klar. Wenn auf .der Insel einigermaßen geeignete Steine gewesen wären, hätte ich wohl einen ganz ordentlichen steinernen Herd zuwege gebracht, aber es gab ja keine.)

Nach dem Auspacken gehörte das Heranschaffen von Feuerholz zu den wichtigsten Aufgaben, ieh wollte auf alle Fälle einen Vorrat für reichlich sechs Monate im Schuppen haben. In wenigen Wochen würde die Hurrikan-Zeit beginnen, und ich musste mit lang anhaltendem Regenwetter rechnen, da wollte ich nicht ohne trockenes Holz dasitzen. Es war eine mühsame Arbeit. Freilich fand ich hier und da an Bäumen oder Sträuchern abgestorbene Äste, die sich mit ein paar Axthieben herunterholen ließen, meist musste ich jedoch zur Säge greifen, und das war ein so zeitraubendes und zermürbendes Geschäft, dass ich alles andere stehen und liegen ließ, bis ich einen stattlichen Holzstoß beisammen hatte. Es dauerte beinahe zwei Wochen, ehe der Schuppen voll war, aber die Mühe zahlte sich aus, als die Regenzeit da war. Zum Anmachen benutzte ich hauptsächlich morsche Tauhunu-Zweige, die stundenlang fortschwelten, wenn ich sie auf mein Feuer legte. Ich hatte immer ein paar Stücke davon auf dem Küchenfeuer und konnte sicher sein, dass ich nur die Enden zusammenzuschieben brauchte, damit sie aufflammten, und dann genügten einige Stücke Holz aus der Kiste, und ich hatte im Nu das schönste Feuer. Diese Methode funktionierte so ausgezeichnet, dass ich nur noch in ganz seltenen Fällen ein Streichholz benutzte, und allmählich setzte ich meinen Stolz darin, nie nach der Zündholzschachtel greifen zu müssen.)

Nach und nach entwickelte sich ganz automatisch eine Routine, die mein Leben fortan bestimmte, jeder Morgen begann mit einem vertrauten Ton - kurz vor Tagesanbruch wurde ich regelmäßig durch das laute Krähen eines Hahnes geweckt. Dann streckte ich mich noch ein Weilchen behaglich im Bett und dachte, wie glücklich ich doch dran sei, weil ich von dem neuen Tag nur Befriedigung und Freude zu erwarten hatte. Sobald es heller wurde, stand ich auf, füllte den Kessel mit Wasser und machte Feuer, gewöhnlich war noch Glut vorhanden. Sobald der Kessel über dem Feuer hing, wandelte ich zum »Haus der Versenkung«, denn ich bin - wie der Leser weiß - ein Mann von äußerst regelmäßigen Gewohnheiten.)

Eine alte Büchse, mit Asche gefüllt und in handlicher Nähe aufgestellt, leistete ebenso gute Dienste wie die modernste Wasserspülung. Es folgte eine rasche Säuberung vor dem Frühstück - allerdings mehr eine Katzenwäsche, die Dusche kam abends nach des Tages Last und Hitze an die Reihe. Inzwischen kochte das Wasser im Kessel, und die Katzen lauerten auf ihren Fisch {den ich vom Abend vorher für sie aufgehoben hatte). Während sie futterten, holte ich die Kaffeebüchse aus dem Schrank und brühte mir Kaffee zu einem oder auch zwei Stückchen Schiffszwieback mit Butter und Marmelade - später, als ich mich besser eingelebt hatte, buk ich mir Scones [eine Art süße Brötchen], und wiederum später gab es auch öfter Eier zum Frühstück.)

Eine richtige Mittagsmahlzeit aß ich fast nie. In diesen ersten Monaten war so viel zu tun, dass ich erst abends Zeit zum Kochen fand. Trinknüsse konnte ich überall finden, und wenn ich um die Mittagszeit Hunger verspürte, aß ich Uto - das ist das Innere einer überreifen Kokosnuss, die bereits zu keimen angefangen hat, man kann es roh aus der Schale genießen oder auch gebacken. Anfangs empfand ich eine nahezu krankhafte Abneigung gegen die Kocherei (ich sagte mir, es sei Zeitvergeudung), das kam aber daher, dass sich mein Zeitgefühl noch nicht auf das neue Leben umgestellt hatte, nämlich darauf, dass es überhaupt keinen Grund zur Eile gab. Instinktiv versuchte ich, jede Arbeit so schnell wie möglich zu erledigen, dazu wurde ich noch von beunruhigenden Vorstellungen heimgesucht. Ich fürchtete zum Beispiel, nie dazuzukommen, meinen Garten anzulegen, einen Auslauf zu bauen und Hühner zu züchten.)

Nach getaner Arbeit ging ich abends frühzeitig auf Fischfang und meinem Tee an den Strand und betrachtete von einem selbst gebauten Sitz den Sonnenuntergang - ein bei mir besonders beliebter »Zeitvertreib«. Später am Abend forschte ich auf einem ganz anderen Gebiet: Ich studierte die Bücher, die von der neuseeländischen Wachmannschaft zurückgelassen worden waren. Zugegeben, die Auswahl war reichlich gemischt. Ich bin zwar literarisch nicht sehr wählerisch, aber für den Geschmack dieser Leute fehlen mir die Worte! Die Hälfte der vorgefundenen Bücher brauchte man erst gar nicht zu lesen, meinte ich, nach einem Jahr hatte sich diese Auffassung allerdings gründlich geändert, da war ich nämlich froh, wenn ich überhaupt etwas zu lesen hatte. Indessen fanden sich auch untef diesem Schund etliche Perlen, Bücher, von denen ich noch nie gehört hatte. von Aldous Huxley zur Hand. Ich kann mich noch erinnern, dass ich ziemlich müde war und nur ein paar Seiten vor dem Einschlafen lesen wollte. Daraus wurde nichts, denn ich blieb die halbe Nacht munter, fasziniert von der Beschreibung einer Welt, die mir so grauenvoll schien, dass ich immer wieder innehielt, um das Gelesene zu überdenken, und mir mehr als einmal sagte: Neale, wenn es mit der Welt so weit kommt, tust du am besten, da zu bleiben, wo du bist. Am nächsten Morgen konnte mich auch der lauteste Hahnenschrei nicht wecken. )

(Hrsg. Von: Ulrike keller ))

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