Die Ankunft der Missionare





John Williams (1796-1839) ist der bekannteste englische Missionar. Er muss großes persönliches Charisma besessen haben, und er war ein unermüdlicher Arbeiter, der nicht nur predigte, sondern auch Hand anlegte, um den Insulanern (in seinen eigenen Worten und in dieser Reihenfolge) Annehmlichkeiten des täglichen Lebens, Sitte und Anstand sowie Fortschritte für das Seelenleben nahe zu bringen. Ob schlecht belüftete Wohnungen und europäische Kleidüng zu diesen Annehmlichkeiten gehören, ist aus heutiger Sicht eher zweifelhaft, aber es entsprach dem Geist der Zeit.

Christliche Nächstenliebe in Gesellschaften zu tragen, die sich :eit jeher bekämpft hatten, war schwierig, aber die großzügige /erteilung von Werkzeug und anderen Waren half. John Williams war auch der erste Missionar in Samoa - in \merikanisch-Samoa steht sein Denkmal -, der erste Weiße, der larotonga betrat, und er versuchte auch, die als besonders blut-vnstig bekannten Einwohner der Neuen Hebriden, des heutigen Vanuatu, zu bekehren. Er wurde von ihnen erschlagen.

Williams und [sein Kollege] Threlkeld wurden nach Raiatea abgeordnet und kamen dort am 11. September 1818 an. Wie einst Paulus und Silas Mazedonien, so betraten sie ihr neues Arbeitsfeld, »gewiss, dass sie der Herr dahin berufen« hätte, das Evangelium zu predigen. Der Tag der Ankunft der Missionare auf Raiatea war ein Festtag für die Eingeborenen. Auf alle mögliche Weise suchten sie ihre Freude an den Tag zu legen; sogar dem kleinen Sohn Williams' brachten sie ein Ferkel zum Geschenk. »Als wir unsere Sachen ans Land trugen«, erzählt Williams, »ging ich an einem Hause vorbei, worin die Leute gerade aßen. Einer meiner Begleiter schlüpfte hinein, nahm einem der Essenden die Speise geradezu vor dem Munde weg und brachte sie mir. Auf meine Frage, ob der Mann das nicht übel nehmen würde, erhielt ich zur Antwort: Nein, das wäre so Sitte unter ihnen. Und wirklich sehen wir jetzt oft dergleichen. Wenn Gäste von weit her kommen, so gehen sie in irgendein Haus, sehen sich darin um, und gefällt es ihnen, so sagen sie ohne weiteres zu einander: Hier ist es schön, hier wollen wir bleiben!

Unter den Sachen der Missionare sahen der König und die Königin, die mit auspacken halfen, das Bild von Williams' Mutter. Sie wurden sehr gerührt und fragten, ob seine Eltern nicht sehr geweint hätten, als er von ihnen gegangen wäre. Williams antwortete, sie würden ihn nicht von sich gelassen haben, wenn sie nicht Mitleid mit den armen Raiateanern und den anderen Heiden gehabt hätten. Da seufzte Tamatoa tief.

Alle Einwohner bekannten sich eindeutig zum Christentum; aber die allermeisten hielten noch fest an dem eitlen Wandel nach väterlicher Weise. Unzucht und Faulheit waren ihre Hauptlaster. Die beiden Missionare begannen ihr Werk damit, die über die ganze Insel zerstreuten Einwohner zu überreden, ihre einzelnen Gehöfte (Kaigna) zu verlassen und in ein großes Dorf zusammenzuziehen. Nur so konnte die Mission auf der Insel gedeihen, das sahen die Brüder bald ein. Der Herr half, dass es auch die Eingeborenen einsahen; in einer Generalversammlung ward der einmütige Beschluss gefasst, die alten Häuser sollten abgebrochen und an einem neuen Platz für die ganze Insel gebaut werden. Mit der Ausführung dieses Plans hatte Williams vollauf zu tun. Doch schon während er das Gerüst für seine künftige Arbeit in solcher Weise errichtete, fing er diese Arbeit selber, nämlich bei der Arbeit des Evangeliums, in frischer Kraft und großer Gewissheit an. Er hatte die Landessprache so wunderbar schnell gelernt, dass er jetzt bereits darin predigen konnte. [Williams war im November 1817 nach Tahiti gekommen.] Seine erste Predigt hatte er am 4. September auf Huahine gehalten.

Voll des Dankes gegen den Herrn, der »beides, Mund und Weisheit« gibt, schrieb er seiner Mutter: »Dein Gebet ist erhört, meine geliebte Mutter! Ich predige jetzt Christentum den verlorenen Heiden. O, dass mir die Gnade widerfahre, Ihn und Ihn allein zu predigen und Ihm getreu zu sein bis in den Tod!« Die Liebe Christi, die in den Missionar drang, in die Heiden sich hinein zu leben, die ist der meisterliche Lehrer gewesen, in dessen Schule Williams binnen 10 Monaten die Sprache dieser Heiden gelernt hat. So predigte er denn wöchentlich drei Mal das teure Evangelium. Auf dem Platz, wo das neue Dorf erbaut werden sollte, hatte man vorläufig eine kleine Kapelle und ein Schulhaus errichtet. Tamatoa erklärte, er wolle dicht neben der Kapelle und den Missionaren wohnen, und betrieb den Bau mit beharrlichem Eifer.

Williams ging damit um, sich ein Wohnhaus ganz auf englische Art zu bauen. Dies Haus sollte ein Musterhaus werden für die Bauten der Eingeborenen. Bisher hatten ihre besten Hütten nur ein Zimmer; sie waren mit einem Schilfdach gedeckt, aber an den Seiten offen; anstatt der Dielen diente trockenes, meistens schmutziges Gras. Der Missionar hätte wohl auch in solchen Hütten sein Leben lang gewohnt, wäre es zum Heil der Heiden ratsam gewesen. Aber er war überzeugt, dass er ihnen treuer diene,ihnen herabstiege. Der Bau eines solchen Hauses war freilich keine leichte Sache. Williams musste dabei Zimmermann, Maurer, Schlosser, Drechsler und Tischler in einer Person sein; die Eingeborenen konnte er nur zu Handlangerarbeiten gebrauchen. Doch zu solchem Werk war er gerade der Mann. Binnen weniger Monate stand das Haus da, und die Eingeborenen konnten sich gar nicht satt daran sehen. Das Haus war etwa 10 m tief und hatte vorn drei und hinten vier Zimmer. Aus dem Gesellschaftszimmer hatte man eine prächtige Aussicht auf den Hafen; die grünen Fenstervorhänge gaben dieser geräumigen Stube ein beinahe elegantes Aussehen. Das Fachwerk des Hauses bestand aus Balken von festem Holz, die Wände aber waren mit Korallenerde gemauert und berappt [grob verputzt]. Diese Erde gebrauchte Williams zugleich zum Weißen, ja, er verfertigte daraus sogar durch Zusatz von gestoßener Kohle eine silbergraue, durch Vermischung mit Ocker eine gelbrote Farbe, womit er die Zimmer ausmalen konnte.

Ein Schilfdach, auf Sparrenwerk ruhend, gewährte dem Haus hinlänglichen Schutz. Vorn und an den Giebelseiten war ein eingezäunter Garten angelegt, mit Grasplätzen und Blumenbeeten, wo eine Menge schöner Sträucher und Blumen, inländische und englische, blühten. Hinter dem Haus lag ein eingehegter Hof für das Federvieh, wohl versehen mit Putern, Hühnern und Enten. Aus dem Hof kam man in einen großen Küchengarten, wo Rüben, Kohl, Bohnen, Erbsen, Gurken, Kürbisse, Zwiebeln und Suppenkräuter aufs Beste gediehen - lauter Gewächse, die die Missionare aus England mitgebracht hatten. In späterer Zeit verkündeten das Blöken der Ziegen und das Brüllen der Kühe auf den nahen Bergen noch größeren Reichtum. Raiatea war eine kleine Schweiz geworden. Im Innern des Hauses sah es gleich einladend aus. Tische, Stühle, Schränke, Sofas und Bettstellen, mit gedrehten Füssen und schön poliert, der glatt gedielte Fußboden und die zierlich gemalten Wände - alles zeugte von der Meisterhand des Bauherrn.

Williams hatte sich in dem heilsamen Einfluss, den er von diesem Musterbau für die Eingeborenen erwartete, nicht verrechnet. Es dauerte nicht lange, so rührten sich fleißige Hände rings um die »Pfarre« her. Ein Häuslein nach dem anderen erhob sich auf dem Bauplatz. Natürlich musste Williams auch daran das Beste tun, und er tat es gern, denn die Leute hingen an ihm mit zärtlicher Liebe, und eine weitere Tür zu ihren Herzen war ihm auf getan. Der Sonntag begann mit einer Frühmette um sechs Uhr. Es war eine Gebetsversammlung; zwei Eingeborene beteten und der Missionar hielt eine Ansprache. Um neun Uhr läutete es zum Hauptgottesdienst; die Eingeborenen zogen dann, anständig gekleidet, in die Kapelle. Gewöhnlich bestand die Versammlung aus etwa 700 Leuten. Um elf Uhr hielten die Missionare für sich eine Erbauung in ihrer Muttersprache. Um ein Uhr war Katechismuslehre, und um vier war Nachmittagsgottesdienst. Den Abend brachten die Missionare, zuweilen von etlichen Eingeborenen besucht, mit Singen, Beten und Lesen zu.

Jeden ersten Sonntag im Monat wurde das heilige Abendmahl gefeiert; die Brüder verlangten herzlich danach, es bald mit den Erstlingen unter diesen Heiden genießen zu können. Alle Tage wurde Schule gehalten, und Alte und Junge stellten sich fleißig ein. Am Montagabend versammelte sich das Volk, um besondere Fragen und Anliegen vor die Missionare zu bringen. Da fragte zum Beispiel einer: »Lieber Lehrer, wie können wir denn zu diesem faarou mau, dem wahren Glauben, gelangen, wovon Ihr uns sagt? Wäre er in Euren Koffern eingeschlossen, so sollten sie bald aufgebrochen sein!« Ein anderer klagte über die Menge arger Gedanken in seinem Herzen; wenn er in das Gebüsch ginge, um zu beten, gleich wären arge Gedanken da; dann spräche er bei sich selbst: »Wenn der Satan in der Gestalt eines Menschen mir nahe käme, wo wollte ich mit ihm ringen und ihn zu Tode steinigen! Und nun, lieber Lehrer«, setzte er hinzu, »ist dies ein guter oder ein böser Gedanke? Sagt mir das!

Mittwochs und freitags war Wochengottesdienst. Alle Abende war Williams: Gesellschaftsstube von Besuchenden und Suchenden angefüllt. Oft kamen sie auch am Sonnabend, wenn Williams gern allein sein wollte, und ließen sich nicht abweisen. Williams schrieb in dieser Zeit an seine Brüder in England voll fröhlicher Zuversicht, der Herr werde das gute Werk, das er angefangen, auch vollführen. Doch sah er wohl, dass auf Raiatea der Morgen des Evangeliums erst von ferne tagte in den Herzen der Heiden. »Wohl wird in allen Familien Hausandacht gehalten«, schreibt er, »und sehr viele beten im Verborgenen morgens und abends. Aber den meisten muss man sagen: Eins fehlt Dir noch! Es fehlt ihnen an gründlicher Sündenerkenntnis und an dem Gewissen darüber, dass sie einen Heiland nötig haben.« Die innige Gemeinschaft im Beten und Arbeiten, die zwischen den beiden Missionarsfamilien bestand, war allen Gliedern ein großer Trost und Segen. Williams und Threlkeld haben es wohl gewusst, warum der Herr seiner Jünger »je zween« sandte (Lukas 10,1). Am Schluss des Jahres 1818 suchte der Herr die Brüder mit Trübsal heim. Frau Orsmond war nach Raiatea herübergekommen, um Threlkelds ärztliche Hilfe zu genießen; sie sah ihrer Entbindung entgegen und war sehr leidend. Der Herr rief sie zu sich. Unter den Heiden eine Mitbeterin zu verlieren, das tut bitter weh; die Brüder waren tief betrübt, und der Schmerz des vereinsamten Mannes war sehr groß; eins aber tröstete ihn: dass sein Verlust ihr Gewinn sei.

Die Missionare fuhren fort, die Eingeborenen in allerlei Handwerk zu unterweisen. Threlkeld baute Kähne mit ihnen, während Williams Häuser baute. Zu der Überfahrt nach Tahaa wurde ein ganz leichtes Boot, 16 Fuß lang, gezimmert, welches nur zwei Ruderer brauchte. Das gefiel den Eingeborenen so sehr, dass sie ihre schwerfälligen Fahrzeuge mit leichteren nach diesem Modell umzutauschen sich entschlossen. Die Männer gründeten einen Verein für Gewerbefleiß; der erste Preis, der ausgesetzt wurde, bestand in 100 Stück Nägeln für den, der zuerst ein neues Boot bauen würde. Alsbald meldete sich ein alter Häuptling und bat um die Erlaubnis, sein Boot auf Williams' Hofe zimmern zu dürfen. Unterdessen war der Häuserbau rasch vorwärts geschritten, im September 1819 stand das Dorf so ziemlich fertig da.

Längs der Hafenbucht erstreckte sich eine über ein Viertel Weges lange Reihe Häuser, worin etwa 1.000 Eingeborene wohnten. Diese freundlichen Häuser waren gemauert, weiß berappt, hatten gedielte Fußböden und zwei Zimmer, eins zum Wohnen, eins zum Schlafen. Früher hatten stets mehrere Familien in einer Stube zusammengewohnt, und die Missionare waren froh, dass diese verderbliche Sitte hinweg getan war. »Palast« war nach dem Muster dieses Hauses eingerichtet. Was war doch in so kurzer Zeit aus diesem Volk geworden! Es war ein Wunder vor den Augen der Missionare. Ja, wer in Christo ist, der ist eine neue Kreatur, an Seele und Leib. Täglich erquickt durch die Treue des sich bezeugenden Gottes hielten die Brüder an mit Beten und Arbeiten und ließen das Wort ihre Losung sein: »Seid nicht träge, was Ihr tun sollt; seid feurig im Geist.

(Hrsg. Von: Ulrike keller )

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