Die Geschichte von den wahren weißen




Ostsepik, Papua-Neuguinea
 

Eine der wenigen Geschichten, die die Ankunft der Weißen aus i der Sicht der Südseeinsulaner wiedergeben, ist die Erzählung von Kani, die von weißen Wissenschaftlern aufgezeichnet wurde. Sie spielt an der Nordostküste von Papua-Neuguinea, wo 1855 die ersten Deutschen aufgetaucht waren. »Widerspenstige« Eingeborene, ein mörderisches Klima und die Malaria bewirkten, dass die Deutschen sich hier nicht auf Dauer festsetzen konnten und auf den Bismarck-Archipel auswichen.

Kanis Geschichte zeigt, dass nach Überwinden der Angst vor den wiederkehrenden Toten, die nach dem Glauben seines Volkes von weißer Hautfarbe sind, die Vorteile des Verkehrs mit den Weißen sehr schnell erkannt und geschätzt wurden: Sie brachten Werkzeug, das das Leben einfacher machte, Baumwollstoffe, Tabak und auch Schnaps. Dass auf Dauer die Weißen nicht nur kamen, um Geschenke zu machen, sondern Gegenwerte einforderten, mussten die Einheimischen bald schmerzlich erfahren.

Es gibt in Melanesien immer noch bizarre Heilserwartungen. Sie werden Cargo-Kulte genannt, auf Vanuatu Jon-Frum-Kult, benannt nach John from America. John oder jemand anders werde eines Tages mit großen und mit Reichtümern beladenen Schiffen vor der Küste auftauchen und großzügig Gaben verteilen, damit das Leben im Paradies auf Erden beginnen kann.

Ein Schiff fuhr auf dem Meer. Und wir, alle Frauen und alle Männer, saßen da und unsere Augen folgten dem Schiff und wir weinten und hatten Mitleid. Sie sagten: »Unsere Leute, die gestorben sind und die am Platz der Toten waren, kommen jetzt zurück. Mit einem unserer Kanus sind sie auf der Reise.« Sie wussten damals noch nichts von euch weißen Leuten. Sie dachten, das wären wir, einfach wir Neuguinealeute. Sie seien gestorben und zum Ort des Teufels (ples belong dewel) gegangen und hätten sich dort aufgehalten und hätten dann eines unserer Kanus genommen und seien damit auf dem Meer herumgefahren.

Eine Frau namens Iagmai, deren Mann Tutu schon tot war, klagte: »Oh mein Mann, das Kanu Munubak ist weggefahren«, und eine andere Frau namens Sagi weinte: »Das ist mein Mann Wanab. Er ist fort und das Kanu Masos auch.« Niemand wusste die wahre Geschichte von euch Weißen, niemand. Wir dachten, das seien alles nur unsere Leute, die gestorben waren und sich am Ort des Teufels aufhielten und die jetzt Verlangen danach hatten herumzuwandern und die nach Neuguinea zurückgekommen waren. So schrien und sprachen sie. Und die unseren schauten die ganze Zeit, aber sie schrien nur und bewegten sich nicht. Und es kam dieser deutsche Regierungsangestellte (Kiap) mit den Missionaren nach Eitape; zuerst nach Eitape, dann nach Tumleo (auf der Insel Tumleo befand sich eine der ersten Missionsstationen der katholischen Steyler Missionare), wo sie blieben. Von da gingen sie mit dem Schiff nach Sek (Alexishafen, Missionszentram der Steyler Mission nördlich von Madang), Rabaul und kamen hierher.

Unsere schauten nur und dachten: »Was können wir tun, damit wir mit jenen sprechen können? Sind das wirkliche Menschen, oder was für Leute sind da mit dem Schiff gekommen?« Ein Mann aus Kap (Turubu) mit dem Namen Tibong machte Feuer. Er sagte den Frauen, sie sollten Feuerholz herbeiholen und am Strand zusammentragen, wo er es anzündete. Und er legte dort Kasuarfedern in drei Stößen nieder. Und er stand dort, drehte eine Kasuarfeder und schrie: »He, ihr da, kommt herbei. Was seid ihr für Menschen, die ihr mit diesem Kanu nur auf dem Meer herumfahrt? Kommt ein wenig hierher und schaut zuerst mich an.« Dann sprach er zu zwei Männern: »Setzen wir uns in ein kleines Kanu«, und sie setzten sich ins Kanu und die zwei Männer ruderten. (Der das veranlasste), das war der Mann mit Namen Tibong. Er saß vorne im Kanu und er machte ihnen Zeichen mit einem Speer, worauf er Kasuarfedern befestigt hatte. Und er machte so Zeichen, während sich die drei vorwärts bewegten

Da sahen die Weißen sie im Femglas. Sie sahen sie kommen und sprachen zum Schiffsmaat: »He, halte das Schiff ein wenig an. Wir sehen ein Kanu, das hierher gerudert kommt, und sie schreien (von dort). Sind das wirkliche Menschen oder was, wer sind diese Menschen?« Das Schiff machte kehrt, der Motor stoppte und es hielt an. Die drei Männer, die ruderten, kamen heran. Als sie nahe heran waren, sahen sie, wohin es ging; die zwei in der Mannschaft des Alten (Tibong) hatten Angst und sprachen: »(Jene) Menschen haben eine Haut aus Öl, die ist weiß, die werden uns töten. Warum hast du uns nur aufgefordert, mitzukommen? Die haben doch keine schwarze Haut wie wir, sondern eine andere Haut; die werden uns bestimmt töten.« Aber er blieb stur: »Nein, wir müssen voran.«

(... Als das Kanu am Schiff festgemacht war,) fragte sie der Kapitän: »Warum kommt ihr her? Was wollt ihr wirklich, was bringt euch her?« Die drei machten Handzeichen: »Wir haben keine Arbeitswerkzeuge und arbeiten nur mit Stein. Da sahen wir euch kommen und sprachen, ihr seid gekommen, gute Werkzeuge zu verkaufen, die uns (besser) arbeiten lassen. Wir haben keine Messer, sondern wir arbeiten mit einem kleinen Stein, um kleines Holz zu beschneiden: (Mit) einer harten Faser beschneiden wir den kleinen Stein. Mit einer etwas weicheren Faser beschneiden wir die Muschelschale. Aber ihr seid gekommen und wir lernen, dass ihr uns etwas Gutes verkaufen wollt.« Und jener (der Kapitän) reagierte darauf: »He, wie können wir mit ihnen Freundschaft schließen? Gut, bringt den Sack mit Salz her.« Und sie brachten den Sack Salz und er nahm ihn in seine Hand. Und jener Kapitän streckte seine Hand aus und sprach: »Schaut mir zu!« Sie schauten ihn an und er aß, nahm etwas (Salz) in seine Finger und legte es auf seine Zunge. Dann sagte er: »Mensch, ist das gut, so gut. Gebt eure Hände einmal her.« Er gab ihnen etwas Salz und forderte sie auf: »Esst auch, probiert.« Und als sie die Hand ausstreckten, um zu nehmen, sprachen die drei untereinander in ihrer eigenen Sprache: »Wenn wir (davon) essen, werden wir sterben. Warum hast du uns nur aufgefordert mitzukommen? Was ist wenn das etwas Böses ist, w geben, und wenn wir sterben, wenn wir davon essen?« Tibong ar »Lasst es, ihr wartet, ich war es, der euch herbrachte, ich versuche es.« Und Tibong streckte darauf seine Hand, die das Salz hielt, an seine Zunge, um zu probieren. Er aß, fühlte es und sprach: »Es ist gut, es ist Meerwasser, es ist nichts Schlechtes, (es ist) Meerwasser. Das Salz ist wie Meerwasser.« Der andere fragte: »Wirklich wahr?«, und Tibong antwortete: »Ja.« Der andere sprach: »Na gut, auch ich habe die Hand ausgestreckt und empfangen, so will ich einmal sehen.« Und auch er aß genauso und sprach: »Oh, das ist wirklich gut.« Und der Dritte versuchte es auch. Und es ging genauso und er sprach: »Ah, das ist Salz.«

Nun nahm der Kapitän Streichhölzer hervor und sprach: »Diese Streichhölzer gebe ich euch, wenn ihr sie so streicht (wie ich), dann gibt es Licht.« Und als er es streichen wollte, hatten sie Angst und sagten: »Nicht dass das Feuer uns verbrennt - was passiert mit dem Mann, der es (in der Hand) hält?« Und die zwei Männer traten zurück und sagten: »Ja, wir haben es schon gesagt, aber du bliebst stur und hast uns hierher gebracht und jetzt werden wir sterben. Schau nur, etwas, das wie Feuer leuchtet, wird uns verbrennen.« Aber Tibong antwortete: »Nein, es wird uns nicht verbrennen, dieses Feuer hier. Früher kannten wir (nur) den Gebrauch von Feuerstock. Wir haben ihn gedreht und Kokosnussfaser darunter gelegt. Und wenn man am Feuerstock rieb, kam unten das Feuer hervor. Aber dies hier ist das Feuer der anderen, das sind die Masta.« In unserer Sprache nennen wir es Kuakual (übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten). Tibong sprach: »Das ist das Kuakual ihrer Welt, und dieser ist ihr Stock, mit dem man Feuer macht.«

Nachdem sie das erhalten hatten, nahmen sie jenen Eisenbauch (eine Stahlaxt mit runder Klinge) mit. Der Alte (Tibong) sprach: »Ich will so schneiden, aber ich habe nichts dafür.« Und er zeigte ein Steinbeil und sagte: »Es ist (nur) aus Stein.« Der Kapitän sprach: »Oh, komm, komm, komm, bedauernswerter Mann, sie arbeiten viel zu schwer für nichts, denn dieser Stein ist nicht scharf genug.« Und dann gab er diesen wie halb abgeschnittenen Eisenbauch. Danach arbeiteten sie einen Stock (ein) und spalteten Holz. Jeder (von den drei) erhielt je zwei Stück (der Eisenäxte). Dann kam das Halbmesser (wahrscheinlich eine Sense oder Sichel). Dieses Halbmesser ist radförmig, hat eine unscharfe Hälfte und nur eine Seite, die sie schärfen, und sie machen einfach einen Stock daran. Und es ist nicht wie die Messer, die man heutzutage herstellt, es ist von einer anderen Art. Früher gab es ein solches Messer in Deutschland, Halbrad. Dieses erhielten sie, jeder eins.

Dann nahm er (der Kapitän) einen Haken und sprach: »Das ist ein Haken. Wenn du den ins Meer fallen lässt, greift ihn der Fisch, zieht ihn weg. Wenn du hart daran ziehst, kommt er nach oben, steckt in seinem Maul. Wenn du ihn (den Fisch) hast, schneide ihn auf und koche ihn. Dafür sind die Streichhölzer gut. Mach damit ein Feuer und koche. Dann kannst du essen und ihn (den Fisch) verschlingen. Oh, wie ist der Fisch so gut! So wirst du es machen.« So sprach der Kapitän in Tok Pisin oder in der Sprache, die die Deutschen damals benutzten. Er sprach auf seine Art und verstand es, und sie antworteten in unserer Sprache von Kap Turubu. Sie selbst verstanden es, aber wer (sonst) konnte ihre Muttersprache verstehen? Sie fragten: »Was?« Sie verstanden nicht. Sie machten sich durch Handzeichen verständlich.

Dann nahm er (der Kapitän) ein Stück Stoff (Laplap oder Lavalava), schnitt es in drei Hälften, verteilte es und sprach: »So zieht man es an«, dabei zeigte er, wie man es macht. Danach nahm er einen kleinen Ring, zeigte ihn den dreien und sagte: »Den kann man an die Hand oder um den Hals tragen«, sprach's und gab es ihnen. Danach holte er ein kleines Messer, ein wirkliches Messer, gab es ihnen und sprach: »Damit könnt ihr Fleisch zum Essen zurechtschneiden.« Nachdem er ihnen (das alles) gegeben hatte, sprach er zu ihnen: »Jetzt werde ich euch verlassen, aber nach drei Monden werde ich wieder- (Als das Schiff zurückkam und Waren ausgeteilt wurden, kam unter den Bewohnern von Turubu ein Gespräch folgenden Inhalts auf:) »Wahr, es ist wirklich wahr. Jedesmal, wenn das Kanu kommt, schauen wir uns das an. Was denkt ihr, das seien Menschen mit schwarzer Haut? Nein, ihre Haut ist weiß. Der eine Teil ihrer Augen schaut genau wie unserer aus. Der andere Teil ist weiß, und wenn du das siehst, kriegst du Angst. Aber es sind gute Menschen, keine Teufel (dewel) oder so, obwohl ihre Haut weiß ist.« »Wirklich wahr, ich denke, es sind einfach unsere Brüder. Ich glaube, sie fühlten Mitleid mit uns, deswegen sind sie gekommen und wollen uns gute Dinge geben« (...), so sprachen sie. Jetzt wissen sie von Gott, damals kannten sie Gott nicht, wussten nichts vc des ewigen Gottes, nein (sie wussten es nicht).

(Kani aus Turubu )
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